Editorial
Naturkatastrophen und Kriegsgefahr
Roland Beck – Im Schatten der apokalyptischen Naturkatastrophe in Japan hat sich die geostrategische Lage im arabischen Raum weiter verschärft: Erstmals seit Jahrzehnten ist es der iranischen Marine gelungen, durch den Suez-Kanal in den Mittelmeerraum vorzustossen. Damit bewegt sich der Erzfeind der USA und Israels auf Schussdistanz im Flottendispositiv der NATO vor den Küsten Ägyptens, Libyens und Tunesiens. Mannigfaltige und komplexe politische, militärische, wirtschaftliche und nicht zuletzt ethische Aspekte sind vor der Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen gegeneinander abzuwägen, und der Ausgang einer solchen Operation ist – wie immer bei Kriegshandlungen – ungewiss. Deshalb ist es verständlich, dass sich NATO, EU und UNO schwer tun, den Entschluss zu fassen.
Doch Zaudern und Zuwarten kann – wie viele Beispiele aus der Geschichte zeigen – zu noch grösseren Risiken und zu einer humanitären Katastrophe führen. Bei solch erhöhter Kriegsgefahr sind Nachrichtendienste von besonderer Bedeutung. Wir haben deshalb in der vorliegenden Ausgabe dem Bereich «Intelligence » im Allgemeinen und dem militärischen Nachrichtendienst im Besonderen ein Augenmerk geschenkt.
Dabei wird vor allem unsere nachrichtendienstliche Tätigkeit in ausländischen Einsatzgebieten wie Korea und dem Kosovo beleuchtet. Am Beispiel Kosovo wird aufgezeigt, wie wichtig die Arbeit unseres Nachrichtendienstes für den Schutz und die Überlebensfähigkeit der eigenen Truppen und ihrer Einrichtungen in Einsatzgebieten ist. Aber auch auf die Bedeutung der Frühwarnung nicht nur von militärischen Kommandostellen, sondern auch von politischen Behörden sowie auf die aktuelle Problematik der Cyber Defense wird hingewiesen. Dass in all diesen Bereichen Verbesserungen nötig sind, haben die jüngsten Ereignisse im arabischen Raum gezeigt.
Verbesserungen sind nicht nur im Nachrichtendienst, sondern auch in anderen Bereichen unserer Armee nötig. So hat die Gruppe GIARDINO kürzlich ihr «Schwarzbuch» vorgelegt und dabei generell die Einsatzbereitschaft der Schweizer Armee in Frage gestellt.
Die Kritik dieser engagierten Milizoffiziere ist in vielen Punkten berechtigt, doch einige Aspekte sind allzu schwarz gezeichnet worden. So wird beispielsweise die heutige Einsatzbereitschaft der Luftwaffe als dem wichtigsten Element unserer Sicherheitspolitik in Frage gestellt, andererseits aber eine rasche Beschaffung von neuen Kampfflugzeugen abgelehnt. Erfreulicherweise hat der Nationalrat in seiner letzten Frühjahrssession
mit grosser Mehrheit einer Motion zugunsten der beschleunigten Beschaffung von Kampfflugzeugen für den Tiger-Teilersatz zugestimmt und mit grosser Entschlossenheit einen Kaufentscheid vor 2015 gefordert.
Verbesserungen sind aber auch in der inneren Führung nötig. So müssen wir uns vermehrt um die Wertschätzung der Milizoffiziere bemühen, wie ein Leserbrief eindrücklich aufzeigt. In einer Zeit rascher und häufiger Veränderungen benötigt der Milizoffizier eine intensivere militärische Ausbildung. Ein einmaliger Beförderungsdienst reicht nicht mehr aus, das Fachwissen muss jährlich mit kurzen Ausbildungssequenzen analog zum zivilen Berufsleben auf den neusten Stand gebracht werden. Nur so können Milizoffiziere auf Augenhöhe mit Berufsoffizieren zusammenarbeiten und ihre wertvollen Erfahrungen aus ihrer zivilen Führungstätigkeit in die Stabsarbeit einbringen.
Auch die Anliegen der jungen Milizoffiziere verdienen ernst genommen zu werden. Diese haben kürzlich dem Chef der Armee den Vorschlag unterbreitet, wieder über separate Essräume zu verfügen und eine Uniform zu tragen, welche die besondere Stellung und Verantwortung des Offiziers in unserer Armee zum Ausdruck bringt. Auch die Schweizerische Offiziersgesellschaft nimmt sich dieser Anliegen an. So wird es uns hoffentlich gelingen, Fehlentwicklungen zu korrigieren und dem Offizier wiederum ein Erscheinungsbild und einen Status in der Öffentlichkeit zu verschaffen, der seinen ausserordentlichen Leistungen und seiner grossen Verantwortung in den Truppendiensten gerecht wird. Angesichts der Kriegsgefahren im Nahen Osten und der drohenden Naturkatastrophen in aller Welt müssen wir unsere Anstrengungen im Rüstungsbereich, aber auch im Bereich der Ausbildung und insbesondere der Offiziersausbildung intensivieren. Das Prinzip unserer Milizarmee verlangt, dass wir die besten jungen Männer und Frauen für die Offizierslaufbahn gewinnen. Deshalb müssen wir ihnen einerseits einen gut sichtbaren Status verleihen und andererseits ihre militärische Weiterbildung mit allen Kräften fördern.